LIEBE AUF DEN ERSTEN BLICK

 

Ein einziger Blick in die Augen eines anderen Menschen reißt mich jetzt vollkommen aus der Realität. Ich sehe ihn, aber ich kann ihn nicht erkennen, denn alles verschwimmt vor meinen Augen. Ich kenne ihn, aber ich habe ihn noch nie zuvor gesehen. Die Zeit und alles um mich herum hält still. Nichts und niemand bewegt sich und genau in diesem Moment bemerke ich, dass nichts von all dem, was mich umgibt die Realität sein kann. Die Welt ist plötzlich nur noch ein  unwichtiges Detail, das nur in meinem Kopf existieren kann, denn mein Herz fühlt gerade so viel, dass dies die einzige und wahrhaftige Realität sein muss, die exisitert. Und  jetzt existieren nur noch wir, dieser so vertraute Mensch dort vor mir und ich, vollkommen aus dem Leben gerissen und gefesselt durch die Tiefe seines Blick. In diesen Augen kann ich so viel erkennen. Mein Herz scheint in Tränen auszubrechen, weil es sich so lange nach dieser Wärme gesehnt hat. Es ist, als hätte es endlich gefunden, wonach es so lange gesucht hat.

Dieser Druck in meinem Herzen ist der schönste Schmerz, den ich je in meinem ganzen Leben gefühlt habe und ich weiß jetzt, dass gleich etwas Unglaubliches passieren wird. 

Das Herz in mir schlägt so rasend schnell,  drängt sich mit aller Kraft gegen seine selbstgeschaffene Festung, bis plötzlich eine Explosion all die Mauern wegreißt, mein Herz aus meiner Brust springt und  empor Richtung Universum fliegt, zurück nach Hause, um all den Wesen dort oben von dieser Liebe zu berichten.  Das gesamte Universum scheint so gerührt von dieser Begegnung zweier Seelen, dass alles Leben für eine Sekunde stillsteht, nur um diesen ganz besonderen Moment für immer festzuhalten. Ich spüre die Freiheit und Glückseligkeit meines Herzens, als es dort oben explodiert, in tausend bunte Funken zerfetzt wird und jeder noch so kleine Funken hinein in ein anderes von Mauern umgebenes Herz fällt, um es mit all seiner Liebe zu heilen und dessen Mauern aufzulösen.

Als wären das Universum, die Welt und mein Umfeld so zerbrechlich und vollkommen, wie die Seele selbst, erkenne ich jetzt die Allverbundenheit mit allem was existiert.

Mir wird ganz plötzlich so warm. Ich kenne dieses Gefühl, aber es ist schon so lange her, dass ich mich kaum noch erinnere.

Mein Körper ist es nicht gewohnt mein Herz so frei und ungezwungen zu erleben.  All die Mauern sind weg und es ist ungeschützt,  aber dort, wo es jetzt ist, braucht es diesen Schutz nicht mehr, denn nichts und niemand würde es je verletzen. Es exisitiert nur Liebe und sie tut meinem Herzen so gut.  

 

Sekunden, Minuten, Stunden oder sind es bereits Tage, die wir nur so dastehen und uns ansehen. Zeit spielt keine Rolle mehr. Nichts mehr spielt eine Rolle. Nur noch dieser Mensch, der mir auf unerklärliche Weise so unglaublich viel bedeutet und so vertraut ist, dass ich ihn am liebsten sofort in meine Arme nehmen würde, doch ich würde in Tränen ausbrechen, während ich mit meinen Fäusten kraftlos auf seine Brust hämmere und in schluchzend frage, warum er mich so lange alleine gelassen hat.  Mein Körper kann sich aber nicht bewegen, denn meine Seele ist zusammen mit meinem Herzen in die Unendlichkeit geflogen und es gibt jetzt nichts mehr, dass ihn steuern kann. Es ist vielleicht auch ganz gut so, denn sonst würden zwei völlig unterschiedliche Realitäten aufeinandertreffen und könnten eine Reaktion auslösen, die aufgrund der  Naturgesetze eigentlich gar nicht passieren dürfte.

Ohne meinen Kopf vergesse einfach alles. Die Vergangenheit, die ich hinter mir gelassen habe, all die Tränen, die Einsamkeit, die Enttäuschungen und Zwänge, mich irgendwie einfügen zu müssen. Ich vergesse sogar zu atmen, aber atmen ist nicht mehr wichtig. Ich habe ja in diesem Moment alles, was ich brauche. Nicht Luft und schon gar nicht meinen Körper, der Luft benötigt, um zu überleben, sondern die Liebe, nach der ich mich so sehr gesehnt habe.  Ich fühle mich zuhause angekommen, denn mein Herz hat nun endlich den Weg  in seine Heimat zurückgefunden.

Obwohl ich wollte, könnte  ich mich von der Erstarrung, in der ich mich befinde unmöglich lösen. Aber ich will es auch gar nicht. Ich möchte ewig hier bleiben, in dieser anderen Realität und möchte gar nicht zurück in die falsche, kalte Realität der Menschen.

Warum kann ich in die Tiefe dieser Augen abtauchen, ohne mit der Angst kämpfen zu müssen, darin zu ertrinken? Warum kann ein Mensch mir so viel bedeuten, wenn ich ihn noch nie zuvor gesehen habe, wenn ich schon so lange brauche, um jemandem zu vertrauen, der es wirklich gut mit mir meint.

Aber dieser Mensch da vor mir braucht nicht mal ein Wort zu sagen und ich würde ihm sofort mein ganzes Leben anvertrauen, ich würde mein Herz in seine Hände legen, denn zweifellos wäre es dort sicher aufgehoben.

Es kommt mir vor, wie die halbe Ewigkeit, die wir beide damit verbringen nur dazustehen und uns anzustarren, obwohl meine Augen ohne meinen Kopf blind sind, sie nichts erkennen, während Ich in mir drin doch so viel sehe.

 

Es sind nur Sekunden, die mich jetzt plötzlich wieder zurück in meinen Körper reißen. Weg von der Wärme, weg von meinem Zuhause zurück auf die Erde in die kalte Realität der Menschen. Jemand berührt  meinen Körper, jemand ruft meinen Namen. Es passiert alles so schnell, wie morgens wenn der Wecker mich aus meinen schönsten Träumen reißt. Es dreht sich noch immer alles, mein Herz rast und ich bemerke, dass es noch immer in mir und gar nicht weggeflogen ist.

In meinen Augen finden sich Tränen wieder und mit aller Kraft versuche ich, diesem eindringlichen Gefühl standzuhalten und mir nichts anmerken zu lassen. Was ist da eben passiert? Ich kämpfe mir mir selbst, denn ich muss meine Aufmerksamkeit auf das Gespräch richten, möchte aber nichts so sehr, als mich nocheinmal umdrehen und in diese Augen sehen. Es gibt wirklich nichts, dass ich jemals in meinem Leben so sehr wollte.

Aber aus irgendeinem  unerfindlichen Grund  schaffe ich es einfach nicht, denn zurück in der Realität der Menschen habe ich schon wieder Angst.

Angst, beim nächsten Mal in Ohnmacht zu fallen, vielleicht gar nicht mehr in meinen Körper zurückzukommen. Das könnte ich meiner Familie nicht antun. Angst, dass durch die Intensität des Realitätenwechsels beide Realitäten aufeinanderprallen und eine Riesenexplosion ausgelöst wird, die einen zweiten Urknall verursacht. Angst, dass es nicht wirklich geschehen ist und dort gar niemand so Besonderer steht, was dieses Wunder zunichte machen würde. Angst, dass ich für das, was da eben geschehen ist, noch gar nicht bereit bin.

Es ist zu schön um wahr zu sein und deshalb kommen schon wieder die Zweifel in mir hoch, so dass ich mich nicht dazu überwinden kann, mich umzudrehen und ein zweites Mal nach diesem Wunder zu suchen.

So verlasse ich diesen Ort zusammen mit meinem Herzen, das jetzt so leicht und frei wie das Universum selbst und zur gleichen Zeit so schwer und gefangen in der Angst seines eigenen Körpers schlägt..

 

 
 
 
(mehr von dieser Geschichte  in meinem Buch)
 
 
 
 

 

 

 

Ein Spiel

 

Wir sitzen auf unseren Stühlen und sollen ein Spiel spielen. Dieses Spiel wird zu Zweit gespielt. Zu dem Spiel gibt es ein Buch. Ein Buch mit vielen Fragen.

Ich soll dieses Spiel mit dir spielen, so steh ich auf und geh zu dir. Mit meinem Blick auf den Boden setze ich mich neben dich und lege meine  Hand auf den Tisch neben uns, mit der anderen halt ich das Buch. Ich weiß, dass du mich anlächelst, aber ich seh nicht hin, weil ich Angst hab, in deine Augen zu schauen.

Und so schlag ich das Buch auf und lese die erste Frage leise vor:

„Was ist dein Glaube?“

„Ich bin  Christ.. Und deiner?“

„Ich glaube nicht an Religionen.

Religionen belehren uns, Ich glaube dass das Herz jedem Menschen seinen eigenen Weg zeigt

Ich glaube nicht daran, dass Gott eine Person ist, keine männliche oder weibliche Person, kein alter Mann mit weißem langen Bart, der da oben sitzt und auf uns hinuntersieht. Ich glaube, das Gott in uns ist und er zu uns aufschaut. Ich glaube, dass Gott die Liebe ist, die wir in uns tragen. Ich glaube, dass Gott alles ist, weil Liebe alles ist"

Du starrst mich wie gebannt an, ich spür deinen Blick in meinem Gesicht, wie die warme Sonne in meinem Nacken. Noch immer seh ich dich nicht an. Mein Blick gilt dem Buch:

„Was ist der Tod?“

„Nun, .. der Tod ist etwas Schlimmes, etwas Trauriges. Verlust. Schmerz. Der Tod ist das Ende. Was ist der Tod aus deiner Sicht?“

„Der Tod..  Der Tod ist der Anfang. Es gibt keinen Tod. Nur ein hinübergehen in eine andere Welt. Meine Worte sind wie Sterne - sie gehen niemals unter

Ich denke an einen ganz besonderen Menschen,  ich habe mich sehr schlecht gefühlt,  weil ich als Einzige nie geweint habe, als er gestorben ist. Aber dann wurde mir klar, dass ich, die nie geweint hatte, ihn am meisten und tiefsten geliebt habe von allen, nicht weil ich stark sein wollte, nicht weil ich meine Gefühle nicht ausdrücken konnte. Nein. Weil ich wusste, dass er hier war und nicht wollte, dass ich weine. Weil ich mich für ihn freuen konnte und sein Glück in mir fühlte, als wäre er noch immer hier. Und das war er auch und wird es auch immer sein und jetzt in diesem Moment, ist er es auch..“

Meine Hände, die das Buch halten, zittern und ich sehe, wie auch deine es ihnen gleichtun. So les ich die letzte Frage, ohne dich dabei anzusehen, und ich sprech die Frage so leise aus, dass ich erst denke, du  hörst sie nicht:

„Was..  liebst..  du... “

Nach einem kurzen Schweigen antwortest du mir. Aber du siehst mich nicht an und ich hör, wie deine Stimme fast versagt:

„Ich liebe Jemanden. Aber dieser Jemand weiß nichts von dieser Liebe, weil ich Angst habe, es ihr zu sagen.. und was.. was liebst du..“ 

Ich fühle deine Traurigkeit, die sich in mir ausbreitet und versuche deine Gefühle von den den meinen abzuschirmen.

Aber es gelingt mir nicht.Ich umklammere das Buch fester und versuche stockend deine Frage zu beantworten:

„Ich .. Ich ..liebe.. Ich liebe den Wald .. ", sag ich erst ganz leise stotternd. Doch dann heb ich meinen Kopf und sehe aus dem Fenster und ein Strahlendes Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus. Ich fühle eine wiedergewonnene Stärke in mir und ich spreche entschlossen weiter:

"Ich liebe den Wald und ich liebe jeden Einzelnen seiner Bäume. Ich liebe seinen Duft und seinen Zauber.

Ich liebe es, wenn die Sonne den Horizont berührt und dabei den Himmel in ein bezaubernes Rot taucht, dass es aussieht, als würde der Himmel brennen,  und ich liebe die Wolken, wie sie dabei so viele bunte Farben annehmen und ich liebe es mich zu fragen, wie diese Farben wohl entstehen.

Ich liebe den Regen und das Geräusch, wenn er auf die menschenleere Straße plätschert. Ich liebe es mit den Kindern im Regen zu tanzen und den Regen zu nehmen wie ein Geschenk.

Ich liebe die Tiere und ihr unglaubliches Vertrauen und ihre Liebe zu den Menschen, obwohl der Mensch den Tieren so viel Leid zufügt.

Ich liebe die Kinder, wie sie lachen und spielen und sich keine Gedanken über das Leben machen  und wie sie mich mit ihren großen Augen ansehen und damit mein Herz so schnell berühren können.

Ich liebe es eine Kerze anzuzünden und das Feuer so lange zu beobachten, bis es langsam erlischt und der Rauch aufsteigt und ich in ihm so viel erkennen kann.

Ich liebe die Luft nach dem Regen, wie sie all meine Sinne verzaubert und etwas in mir auslöst, dass mich einfach nur glücklich macht.

Ich liebe den Winter, wie er alles in Eis legt und alles so schön weiß ist.

Ich liebe den Herbst und seine ganzen farbenfrohen Bäume und ich liebe den Klang, der entsteht, wenn ich durch das viele bunteLaub laufe.

Ich liebe den Frühling, wie in ihm alles zu neuem Leben erwacht und die Vögel wieder ihre ersten Lieder für uns singen.

Ich liebe den Sommer, wo man sich so leicht fühlt und überall barfuß hinlaufen kann.

Ich liebe es einen Samen in Erde zu setzen und zu warten, bis daraus ein neues Leben entsteht.

Ich liebe die Musik, wie sie meine Stimmung heben kann und mir so tief aus dem Herzen sprechen kann.

Ich liebe es, wie ich die Gefühle der anderen erspüren kann, als wären es meine eigenen.

Und ich liebe noch so viel mehr...“

Ich spür das Lächeln auf deinen Lippen und erkenne einen leichten Glanz in deinen Augen, obwohl ich immer noch nicht hineinsehe. Ein Sonnenstrahl kommt durch das große Glasfenster und scheint direkt in unsere Mitte.

Auch ich muss jetzt lächeln, und nun..  hebe ich meinen Blick langsam von dem Buch  in dein Gesicht.. In diese Augen, vor denen ich so lange Angst hatte.. Ich spüre, wie meine Augen zu brennen anfangen und wie ich meine Tränen kaum noch zurückhalten kann, weil mich die Tiefe deiner Augen so berührt und in mir drin so unglaublich viel auszulösen vermag und doch.. doch bringe auch meine letzen Worte noch hervor:

„Und ich liebe es .. wie Jemand denkt..  ich würde nicht wissen .. wie sehr mich dieser Jemand liebt..“

 

 

 

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